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Experteninterview mit Prof. Dr. med. Ingo Fietze

Prof. Ingo Fietze leitet das interdisziplinäre Schlafmedizinische Zentrum der Charité in Berlin. Sein Buch „Über guten und schlechten Schlaf“ gibt Antworten Rund um das Thema Schlaf. Jetzt steht er uns Rede und Antwort im Experteninterview.

Gibt es Schlafirrtümer? Dinge, die ständig publiziert werden, aber aus Expertensicht oft falsch sind?

Erstens wird immer gesagt, dass wir nicht wissen, warum wir schlafen. Das ist Unfug. Wir wissen ganz genau, warum wir schlafen, wo das Schlaf-Wach-Zentrum ist, und was das für Ursachen hat, wenn das Schlaf-Wach-Zentrum defekt ist. Man wird müde, ist dauermüde oder kann eben gar nicht mehr gut schlafen. Ein zweiter Irrtum ist, dass man im Alter weniger Schlaf braucht. Das stimmt nicht. Wir brauchen bis ins hohe Alter sieben bis siebeneinhalb Stunden Schlaf.

Warum müssen wir schlafen?

Weil wir ein Gehirn haben. Das ist der Hauptgrund. Alle Organismen, die ein Gehirn haben, brauchen Schlaf, weil sich das Gehirn erholen muss. In das Gehirn passt nicht viel rein, das muss sich erholen. Es muss sich von toxischen Stoffen befreien, Informationen ordnen oder verwerfen, damit wir am nächsten Tag wieder neue aufnehmen können. Das ist der Hauptgrund. Es gibt noch andere Gründe wie Erholung oder das Immunsystem und das Gedächtnis, schön alt werden oder gut aussehen. Aber der wichtigste ist das Gehirn.

Was sollte jeder Mensch über guten Schlaf wissen?

Ab dem 30. Lebensjahr sollte man siebeneinhalb Stunden schlafen. Das ist die optimale Schlaflänge. Morgens sollte man erholt aufwachen. Wenn man irgendein Schlafproblem hat, muss man das nicht gleich ernstnehmen. Aber wenn es länger als drei Monate dauert, dann sollte man sich Hilfe suchen.

Kann man zu viel schlafen?

Wenn jemand länger als zehn Stunden schläft, und das regelmäßig, auch unter der Woche und am Wochenende, dann ist das eher kein normaler Schlaf. Das ist dann auch kein Langschläfer mehr. Das ist dann eher ein Verdacht auf eine Pathologie. Irgendwas stimmt da nicht im Schlaf-Wach-System. Der normale Langschläfer darf acht bis zehn Stunden schlafen. Aber nicht mehr.

Ab wann sollte man sich bei Schlaflosigkeit professionelle Hilfe suchen?

Wenn man über drei Monate viermal in der Woche länger als eine halbe Stunde zum Einschlafen oder zum Wiedereinschlafen braucht, oder wenn man ständig nachts wach wird. Dann hat man entweder eine Ein- oder Durchschlafstörung oder beides: Ein- und Durchschlafstörung. Da sollte man etwas dagegen unternehmen.

Wie lange kann ein Mensch wachbleiben, bevor es sich auf die Gesundheit auswirkt?

Das sind Menschenexperimente – die gibt es ja nicht. Die einzigen, die es versuchen, sind Reporter. Dann sind es aber nur ein oder zwei Nächte, die sie durchmachen. Fünf hat noch keiner gemacht. Also, wenn man schlechter Gesundheit ist, überlebt man sieben Tage nicht. Das ist einfach nicht gesund, und auf Dauer geht das nicht. Tierexperimente gibt es: mit Hunden, fünf Nächte ohne Schlaf, da sind zwei oder drei gestorben.

Wie lange sollte es dauern, bis wir eingeschlafen sind?

Zwanzig bis dreißig Minuten ist das Fenster, denn wenn man länger als 30 Minuten braucht, läuft man Gefahr, dass man wieder wach wird und dann anderthalb Stunden wachliegt, ehe man wieder müde wird.

Ist Musikhören vor dem Schlafen förderlich?

Erlaubt ist, was gefällt! Außer Drogen und Computerspielen. Ob jemand Radio hört oder Fernsehen schaut oder ein Hörbuch hört oder Schäfchen zählt oder autogenes Training macht – das spielt letztendlich keine Rolle. Die Hauptsache ist, dass es entspannt.

Kann man wirklich während des Schlafens Fett verbrennen?

Sie sitzen jetzt auf einem Stuhl und verbrennen pro Stunde irgendwas zwischen 40 und 50 Kilokalorien. Egal, ob sie auf dem Stuhl sitzen, stehen oder liegen. In einer Stunde verbraucht man diese Energiemenge, weil wir die Körpertemperatur aufrechterhalten müssen. Und da wir im Schlaf keine Nahrung zu uns nehmen, geht es an die Energiereserven. Wenn ich einen Haufen Kohlenhydrate zu mir genommen habe, werden eben nur Kohlenhydrate angezapft. Wenn ich wenig Kohlenhydrate gegessen habe und die Speicher leer sind, geht es ans Fett, und deswegen kann man tatsächlich mit der entsprechenden Ernährung Fett im Schlaf abbauen. Man muss sich entsprechend ernähren. Von alleine geht das nicht.

Wie schädlich ist das Smartphone im Bett?

Ich kann nicht sagen, dass die Strahlung des Smartphones den Schlaf stört. Das ist bisher nicht nachgewiesen. Aber wenn man die ganze Nacht im Subkortikal online ist, ist das nicht gesund für den Schlaf. Wenn ein begnadeter Schläfer ein Smartphone oder einen Schnarcher neben sich zu liegen hat, dann ist ihm das vollkommen egal. Das stört ihn gar nicht. Wenn wir fragen, wen das Handy am Bett stört, dann den sensiblen oder gestörten Schläfer, und der sollte das tatsächlich nicht auf der Matratze liegen haben.

Was ist die perfekte Raumtemperatur zum Schlafen?

17 bis 22 Grad Celsius.

Inwiefern hängt die Matratze mit Schlafproblemen zusammen?

Wusste eine Zeit lang keiner, dann haben wir vor zwei Jahren eine Untersuchung durchgeführt: Neue Matratze versus eine schöne Standard-Matratze. Es ging gar nicht darum, dass die neue Matratze besser war, sondern auffällig war, dass die jungen Leute mehr Tiefschlaf hatten. Wir haben wissenschaftlich nachgewiesen, dass man mit einem Matratzenwechsel den Schlaf verbessern kann.

Was macht eine Matratze zu einer guten Matratze?

Eine bessere Schlafqualität. Also mehr Tiefschlaf, weniger Wachphasen, weniger Weckreaktionen. Wenn Sie auf der Möbelmesse sind und 300 Firmen den besten Schlaf dieser Welt versprechen, dann ist das alles gelogen, weil keiner es gemessen oder nachgewiesen hat. Das ist ja das Problem in der Matratzenindustrie. Jeder sagt, er hat die beste Matratze, und keiner kann es beweisen. Deshalb wird die Schlafmedizin in der Hinsicht wirklich interessant, weil die den Schlaf messen. Aber es gibt keine Untersuchung, in der zehn Matratzen mit Schläfern getestet wurden und dann geguckt wurde, auf welcher man die beste Schlafqualität hat.

Welches Material eignet sich am besten für welchen Körper- und Schlaftyp? Was empfehlen Sie als Experte?

Das ist schwierig zu sagen. Es ist ein bisschen Geschmackssache. Der gute Schläfer kann auf einem harten Futon-Bett schlafen und ihm ist egal, womit er sich zudeckt. Beim sensiblen Schläfer gibt es zwei Regeln: je älter, desto weicher, und je mehr Schmerzen, desto weicher. Für den sensiblen und gestörten Schläfer ist das sehr wichtig.

Welche Tipps haben Sie für Menschen, die auf der Suche nach einer neuen Matratze sind?

Nummer eins (das mit den Schmerzen und dem Alter): je älter, desto weicher. Und je mehr Schmerzen, desto weicher. Nummer zwei: Es ist grundsätzlich egal, ob Boxspring, Federkern, Schaumstoff oder Wasserbett. Das Gute ist ja heute, dass man zu Hause mal drei, vier Wochen Probeliegen kann und dann nicht zwingend das Geld zurücknimmt, sondern sich auch etwas Anderes heraussuchen darf. Also nicht die Katze im Sack kaufen, sondern tatsächlich ausprobieren, ob die Matratze auch wirklich passt.

Was halten Sie persönlich von teuren Anschaffungen wie Wasserbetten oder Memory-Schaum-Matratzen? Lohnen sich die teuren Investitionen?

Wasserbett ist eine interessante Geschichte. Ich selber habe auf einem Wasserbett geschlafen. Das war fürchterlich und ich habe es für mich abgewählt. Dann habe ich zufällig vor einem halben Jahr in einem Wasserbett geschlafen und hatte eine geniale Nacht. Vorurteile sind da irgendwie fehl am Platz. Man muss das tatsächlich ausprobieren. Das Wasserbett ist aus meiner Sicht geeignet für Ältere, für Leute, die Schmerzen haben – Rheuma, Knochen- oder Rückenschmerzen meine ich, zum Beispiel. Die sollten darüber nachdenken, ob das eventuell Sinn macht. Da gilt aber dennoch, dass das jeder für sich entscheiden muss.
Auch interessant sind Wasserbetten für Neugeborene, das halte ich für eine geniale Idee. Sie haben nicht das ganze Wasserbett, aber eine Matratze. Das Baby schwimmt neun Monate im Bauch und dann schwimmt es weiter im Schlaf, kann sich nicht so leicht drehen und läuft nicht Gefahr, sich auf den Bauch zu drehen. Diese Idee gefällt mir sehr gut. Das mit den Kindern könnte was in Zukunft werden.
Memory-Schaum-Matratzen sind ja generell Schamstoffmatratzen, die nachgeben. Das verhält sich ganz ähnlich wie mit dem Wasserbett. Da gibt es viele junge Leute, die gar nichts damit anfangen können und sagen: „Ich brauche das härter“. Doch je älter man wird, desto eher denkt man über etwas nach, was nachgibt. Für den sensiblen Schläfer ist das auch nicht so richtig was, weil der Schaum der Matratze nicht immer ganz so schnell reagiert. Also wenn man sich dreht und sich dann alles wieder neu einjustieren muss, könnte das auch zu einem unruhigen Schlaf führen. Das Ausprobieren bleibt aber letztendlich keinem erspart.

Nach welchen Kriterien würden Sie Matratzen bewerten?

Dass man morgens ohne Schmerzen aufwacht, dass man in der Nacht nicht geschwitzt hat, dass man nicht sagt: „Mensch, habe ich mich heute aber viel gedreht“, weil die Matratze zu hart oder zu weich war. Und dass man erholt aufsteht. Dass man sich freut, die nächste Nacht wieder in dem Bett zu verbringen.



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